Datenjournalismus: Was Wohnen in Heilbronn kostet

Horrormeldungen über gestiegene Mietpreise liest man zuhauf. Aber wie sieht die Situation auf dem Heilbronner Wohnungsmarkt wirklich aus? Und wie hat dieser sich in den letzten Jahren entwickelt?

Die Stimme-Volontäre Tamara Kühner und Marco Weiß sind der Sache im Rahmen des Volontärsprojekts 2014 nachgegangen. Sie haben Daten des Online-Immobilienportals Immonet und den Mietspiegel der Stadt Heilbronn ausgewertet. Eine Datengrundlage, die alle relevanten Aspekte rund um das Thema Mietpreise berücksichtigt, gibt es zwar nicht, einige interessante Fakten sind dennoch abzulesen.

Faktoren

Immonet lässt sich etwa nach Stadtteilen und Wohnungsgröße durchsuchen, nicht jedoch nach Lage und Baujahr. Der Mietspiegel berücksichtigt hingegen Baujahr und Größe einer Wohnung, nicht jedoch Stadtteil und Lage. Faktoren wie Ausstattung und Zustand der Immobilie beeinflussen den Mietpreis zusätzlich, sind aber in beiden Datenquellen nicht erfasst.

Laut Mietspiegel steigt der Quadratmeterpreis bei Neubauten ab dem Baujahr 1995 gegenüber älteren Gebäuden um 50 Cent bis zu 1,70 Euro. Ebenso gilt die Regel: Je kleiner eine Wohnung, desto teurer der Quadratmeter und desto stärker steigen die Preise. Das ist vor allem für Bedürftige ein Problem, da sich der Verzicht auf Wohnraum weniger im Geldbeutel bemerkbar macht als gewünscht.

Für kleine Wohnungen ist der Quadratmeterpreis seit 2008 (7,21 Euro) auf 7,61 Euro gestiegen. Bei einer Wohnung mit 40 Quadratmetern macht das im Schnitt 16 Euro aus. Das führt dazu, dass manche Menschen keine bezahlbare Wohnung finden, obwohl die Situation in Heilbronn längst nicht so angespannt ist wie etwa in Hamburg oder München.

Es gibt außerdem eine Kluft zwischen dem, was der Mietspiegel sagt, und dem, was die Wohnungssucher erleben. Darauf deuten auch die Unterschiede zwischen Mietspiegel und den bei Immonet inserierten Preisen hin. Vergleicht man den Gesamtdurchschnittspreis beider Quellen, zeigt sich, dass der Mietspiegel mit 6,65 Euro pro Quadratmeter deutlich unter dem von Immonet (7,91 Euro) liegt.

Zwar sind die Angaben von Immonet keineswegs repräsentativ, denn es ist nicht ersichtlich, wie viele Angebote, welcher Art, in welcher Lage und Größe den Daten zugrunde liegen. Dennoch sind diese Preise real. Der Mietspiegel ist hingegen ein Richtwert. Und da dieser nicht verbindlich ist, langen nicht wenige Vermieter ordentlich zu. Schließlich regelt am Ende noch immer die Nachfrage das Angebot.

Quelle: Stimme.de/was wohnen kostet

Praxisbeispiel: Viele Anläufe zur Traumwohnung

Nastassja Mendel brauchte trotz bester Voraussetzungen viel Geduld bei der Suche nach einer passenden Bleibe

Guter Job, Nichtraucherin, keine Kinder, keine Haustiere, gute Schufa, bereit, Maklergebühren zu bezahlen. So jemand findet sofort eine Wohnung – sollte man meinen. Nastassja Mendel (21) besichtigte, während sie an ihrer Bachelorarbeit schrieb, zwei Monate lang jedes Wochenende etwa zwei Wohnungen in Heilbronn. Dafür musste sie jedes mal von Freiburg, ihrem damaligen Wohnort, nach Heilbronn fahren.

„Meistens habe ich nur den Makler bei einem Casting mit vielen anderen Leuten kennengelernt“, sagt sie. „Die Vermieter lassen sich nicht blicken, stattdessen wollen sie, dass man schriftlich viele persönliche Fragen beantwortet“, ärgert sie sich. „Mehrmals gab es eine Absage ohne wirkliche Begründung, was bei den vielen Interessenten kein Wunder ist“, stellt die Halbfranzösin fest. Regelrecht bewerben musste man sich, meint die studierte Betriebswirtin, die als Junior Consultant bei Lidl Dienstleistung in Neckarsulm arbeitet.

Absagen

Nastassja Mendel; Foto: Tamara Kühner/Hst-Archiv

„Ich bekam sogar eine Absagen, weil ich alleine wohnen würde und Paare es durch zwei Gehälter einfacher hätten“, wundert sie sich. Doppelt bitter, da sie nur deshalb eine größere Wohnung suchte, weil ihr Freund nachziehen wollte, sobald er einen Job in der Region gefunden hat. Seit einem viertel Jahr wohnt er bei ihr.

Nach vielen erfolglosen Besichtigungen kam ihre Chance: „Über einen Suchauftrag bei Immobilienscout bekam ich am 30. Juli 2013 das Angebot, eine super schöne und provisionsfreie Wohnung in der Innenstadt zu besichtigen“, erinnert sie sich. „Als ich ankam, standen schon wieder viele Paare vor der Haustüre“, betont sie. Der Unterschied: Die junge Vermieterin führte die Interessenten selbst durch die Räumlichkeiten – man verstand sich.

„Ich war von der Wohnung gleich begeistert, verließ die Besichtigung aber nach den ganzen Misserfolgen im Glauben, dass ich weiter suchen muss“, berichtet sie. Am nächsten Tag kam aber die lang ersehnte Zusage. „Da war ich erleichtert.“

Sie bekam auch deshalb den Zuschlag, weil sie die gesamte Einrichtung übernahm. „Die Vermieterin wollte die Küche und die Einrichtung an den Mieter verkaufen. Mir hat beides sehr gut gefallen, deshalb habe ich gerne zugegriffen“, freut sie sich mit Blick ins Wohnzimmer.

Nachteile

Für ihre 70 Quadratmeter große Wohnung mit 3,5 Zimmern zahlt sie warm 745 Euro im Monat – das ist gemäß Mietspiegel für die Innenstadt weniger als die Durchschnittsmiete. Also alles perfekt? Nicht ganz. „Einen Parkplatz habe ich nicht, dafür eine große Baustelle vor der Türe. Mich stört es aber nicht wirklich – man muss einfach flexibel sein“, lautet ihr Tipp.

Nastassja Mendel; Foto: Tamara Kühner/Hst-Archiv

F+B-Wohnindex-Studie

Eine aktuelle Studie von F+B-Wohnindex zeigt außerdem: Während in den Großstädten Wohnen immer teurer wird − in München beträgt der Quadratmeterpreis bei Neuvermietungen inzwischen 8,40 bis 20,80 Euro − fallen die Steigerungsraten außerhalb der Millionenstädte vergleichsweise moderat aus. Deutschlandweit sind die Mieten im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nur um 1,2 Prozent gestiegen. Bei den Bestandsmieten ging es 0,9 Prozent nach oben. Auch der Heilbronner Mietspiegel steigt moderat. In den letzten sechs Jahren ist der durchschnittliche Mietpreis um rund 5,1 Prozent gestiegen. Zwischen 2012 und 2014 um rund 2,8 Prozent.

Quelle: www.stimme.de/traumwohnung/ (Erschienen am 15. August 2014)

Hintergrund: Ist Wohnen noch bezahlbar? 

Sozialforum diskutiert über geförderten Wohnraum

Die Wirtschaft brummt, Studenten drängen in die Stadt, Familien siedeln sich an. Kurzum: Heilbronn entwickelt sich prächtig. Der Boom produziert aber auch Verlierer: Menschen mit wenig Einkommen finden immer schwerer eine Wohnung.

Beim Sozialforum möchte man den Wohnungsnotstand nicht länger hinnehmen und schlägt eine Sozialwohnungs-Quote bei Neubauten vor. Am Dienstag wurde im Gewerkschaftshaus über Gestaltungsmöglichkeiten beim sozialen Wohnungsbau diskutiert. Bei der von Stimme-Redakteur Manfred Stockburger moderierten Veranstaltung waren dabei: Susanne Bay (Grüne), Helga Drauz-Oertel (CDU), Hasso Ehinger (Bunte Liste), Tanja Sagasser (SPD) und Nico Weinmann (FDP).

Hst-Grafik

Die Sprecherin des Sozialforums Silke Ortwein bemängelte konkrete Daten. Es sei unklar, wie viele Wohnungen fehlen, denn die Zahlen aus dem Zensus lägen nicht vor. „Obwohl uns das die Stadt schon vor einem Jahr zugesagt hat“, kritisierte sie. Fraktionsübergreifend ist man sich einig, dass die Bearbeitungsdauer zu lang sei.

Hasso Ehinger äußerte sich zumindest für die Zukunft optimistisch: „Unser neuer Oberbürgermeister hat als eines von drei Kernproblemen die Wohnungsnot genannt, und ich bin zuversichtlich, dass Wohnen unter ihm eine höhere Priorität bekommt.“ Insgesamt sieht er die Stadt aber schlecht aufgestellt: „Es gab in den vergangenen 20 Jahren keinen sozialen Wohnungsbau in Heilbronn. Die Situation wird immer prekärer.“

Handlungsbedarf

Ganz so dramatisch wurde die Lage von den anderen Kandidaten zwar nicht eingestuft, aber zumindest die Richtung war dieselbe. „Bei der Stadt galt bisher das Credo, dass keine Wohnungen fehlen. Das muss sich ändern“, betonte Susanne Bay. „Wir haben großen Handlungsbedarf, da sich Heilbronn zur Studentenstadt entwickelt“, sagte Helga Drauz-Oertel. Sie steht einer Regulierung kritisch gegenüber und sprach sich als einzige gegen eine Quote für Sozialwohnungen bei Neubauten aus: „Eine Quote schreckt private Investoren.“

Fraktionsübergreifend

Diese Meinung hatte das Publikum wohl eher von Nico Weinmann erwartet. Doch dieser befürwortete eine entsprechende Quote. Moderator Manfred Stockburger hakte nach, „wie FDP und eine Quote für sozialen Wohnungsbau zusammenpassen?“ Weinmanns Antwort: „Die Freiheit hat auch gewisse Grenzen. Wo wir Ghettos verhindern können, sollten wir das tun.“

Auch Tanja Sagasser war um Ausgleich bemüht: „Die Stadtsiedlung hat in den vergangen Jahren 93 Millionen Euro in die Instandsetzung investiert. Deshalb finde ich es gut, wenn die Stadtsiedlung Gewinn macht.“ Was Sagasser in Heilbronn fehlt, ist der Blick über den Tellerrand: „Wir müssen nicht alle Ideen hier entwickeln.“ Man könne etwa Wohnraum schaffen, indem man Senioren und Studenten zusammenbringe. Die Jungen bekämen so eine günstige Wohnung, den Alten greife jemand im Haushalt unter die Arme. Einig war man sich, dass die Stadt eine Koordinierungsstelle für sozialen Wohnungsbau brauche (Erschienen am 5. Mai 2014)

 

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