Reportage: In der Wildnis Norwegens Ruhe finden

Die Region Oslo und die Kommune Flå bieten Outdoor-Fans Natur, Angelerlebnis und Abenteuer.

Hst-Grafik

Zuerst kommt die wasserdichte Latzhose mit Neoprensocken, dann ziehe ich die Outdoorschuhe mit einem Ruck über das Neopren an meinen Füßen. Während ich die Schuhe binde, fangen meine Handrücken an zu kribbeln – ich will endlich aufs Wasser und die Rute im Anglerparadies Flå nördlich von Oslo auswerfen. In Norwegen lernen Kinder Angeln schon in der Schule. Ich hingegen bin Anfänger und muss erstmal meine Rettungsweste anlegen.

Dann schiebe ich das Belly Boat ans Ufer. Woher das Schlauchboot seinen Namen hat, erfahre ich, während es ins Wasser gleitet. Bis zum Bauch (engl. belly) stehe ich schließlich im kühlen Nass. Mit den Füßen treibe ich das Boot weg vom Ufer in Richtung Seemitte.

Experte

Dort sollen die meisten Fische sein, hat mir Angelexperte Michael Quack mit leuchtenden Augen zugeraunt. Mit dem Rücken zur Sonne, um nicht geblendet zu werden, wird die Rute ausgeworfen. Außer dem leisen Surren der Rolle beim Einholen, ist nichts zu hören. Obwohl der Wind bläst, wird man nicht abgetrieben. Es genügt, zwei Mal in der Minute einige Beinschläge zu machen und schon hält man seine Position.

Mit der Zeit gewöhnt man sich an die Stille und genießt den Wind, unten das dunkle Blau des Sees, in der Mitte das satte Grün des Waldes und oben das leuchtende Blau des Himmels.

Michael Quack hat etwas gefangen; Foto: Marco Weiß

Auch nach einer Stunde hat bei mir noch kein Fisch angebissen. Angelprofi Quack treibt einige Meter entfernt im Wasser. Er hat verschiedene Ruten dabei und benutzt spezielle Wurftechniken. Es scheint zu wirken. Nacheinander beißen Felchen, Barsch und Forelle an. Mein Misserfolg stört mein Glück nur kurz. Dann denke ich an das, was unweigerlich kommt, wenn ein Fisch anbeißt: Die Haken des Köders aus dem Maul entfernen. Michael Quack hat damit kein Problem. Mit der linken Hand hält er den Fisch fest, mit der rechten entfernt er die Widerhaken.

Die Natur rund um Flå; Foto: Marco Weiß

Wende

Die 1000-Einwohner-Kommune Flå liegt 118 Kilometer von Oslo entfernt. Quack stellt zum Erholungswert der Region fest: „In der Natur fällt der Alltagsstress binnen Stunden von einem ab und man kommt zur Ruhe.“ Neben der Natur trägt auch die ernsthafte Lässigkeit der Norweger zur Entschleunigung bei. Bis vor wenigen Jahren war wenig los in Flå. Die Einwohnerzahl sank und es gab kaum Perspektive. Vor zehn Jahren dann die Wende: Olav Thon (91), einer der reichsten Norweger, entdeckte den Ort für sich. Seither entwickelt sich Flå zu einem Paradies für Outdoor-Freunde. Um die notwendige Infrastruktur hat sich Thon gleich selbst gekümmert: Hotel und Supermarkt ließ er bauen, der Bärenpark Vassfaret wurde erweitert.

Simen Hagberg mit Tochter; Foto: Marco Weiß

Im Frühjahr wurde die Schnellstraße Riksvei 7 zwischen Oslo und Flå fertig. Die Fahrzeit verkürzte sich dadurch um eine halbe auf knapp zwei Stunden. Somit sind die Voraussetzungen für internationale Gäste geschaffen. Was bisher nur Norweger zu sehen bekamen, können jetzt auch deutsche Gäste erleben.

Historische Bauernhäuser wurden renoviert und zu Herbergen umgebaut. Seit Thons Investitionen kommen auch Flås Söhne und Töchter wieder zurück. So wie Simen Hagberg (37), der mit seiner Frau Andrine Markegård (35) den Hof seiner Eltern zu einem Quartier für Touristen umgebaut hat.

Blick auf Oslo; Foto: Marco Weiß

Highlight ist das 1709 erbaute Gästehaus, das seit einer Sanierung in neuem Glanz erstrahlt. Im nahegelegenen Fluss Flatsjø können auch Anfänger Kajak fahren oder einen Hecht angeln. Die Wälder ringsum laden zu Mountainbike-Touren ein. Bären, Luchse und Elche erlebt man im Bärenpark Vassfaret aus nächster Nähe. Wagemutige können sich von einem Elch küssen lassen.

Dazu nimmt man eine Karotte in den Mund und streckt sie dem Elch entgegen. Das Huftier beginnt an der Möhre zu knabbern, bis es beim Mund angekommt. Dann sollte man schnell sein und ein Erinnerungsfoto machen. Was den Geruch betrifft, ist der Elch allerdings eher Frosch als Prinz.

Munch

Auf dem Weg nach Flå empfiehlt sich ein Aufenthalt in Oslo. Rund um die Hauptstadt liegen Inselchen, die man per Schiff erreicht. Kulturfreunde zieht es in die Oper oder das Munch Museum.

Oberhalb der Stadt soll der Maler Edvard Munch einen markerschütternden Schrei vernommen haben – Vorlage für sein berühmtestes Werk „Der Schrei“ von 1910. Heute erinnert eine Gedenktafel an die Entstehung. (erschienen am 19. Jul 2014)

Quelle: www.stimme.de/In-der-Wildnis-Ruhe-finden

 

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