Datenjournalismus: Demografie in Baden-Württemberg

Nicht überall in Deutschland werden so viele Babys geboren wie im Südwesten. Foto: dpa

Interaktive Karten sind Texten, Videos oder Grafiken immer dann voraus, wenn man ortsbezogene Phänomene erklären möchte. Ein Beispiel hierfür ist der demografische Wandel, der die Politik in Deutschland zunehmend vor Herausforderungen stellt.

Laut des Statistischen Bundesamts wird die Bevölkerung in Deutschland bis 2050 um rund sieben Millionen Menschen schrumpfen. Strukturwandel und Bevölkerungsrückgang sorgen innerhalb Deutschlands für einen härter werdenden Verteilungswettbewerb zwischen den Standorten. Mit den Wanderungen von Arbeitsplätzen und Bevölkerung verstärken sich die regionalen Unterschiede bei Wirtschaftskraft und Steueraufkommen.

Glücklicher Südwesten

Die Regionen im Verbreitungsgebiet der Schwäbischen Zeitung stehen momentan recht gut da. Zwar wird die Bevölkerung älter, durch innerdeutschen Zuzug und Zuwanderung aus anderen Ländern wächst die Anzahl der hier lebender Menschen aber noch. Eine starke Wirtschaft, intakte soziale Strukturen und ein hoher Freizeitwert sind einige Gründe dafür. Schwierigkeiten bereitet der Strukturwandel momentan vor allem kleineren Kommunen. Dort stellen sich zunehmend Fragen wie:

  • Ist es möglich im Heimatdorf alt zu werden?
  • Wie lange gibt es noch einen Arzt?
  • Wie sieht es mit Supermarkt, Post oder Bank aus?
  • Ist das Eigenheim in einigen Jahren noch etwas wert?

Um unseren Lesern geräteunabhängig einen schnellen Überblick zu diesen Fragen zu geben und ihnen bei der gezielten Suche nach passenden Wohnorten zu unterstützen, haben wir interaktive Karten für Mobile und Desktop entwickelt.

Entwicklung der Einwohnerzahlen von 2004 bis 2014

Baden-Württemberg hinter Hamburg und Berlin

17,1 Prozent der Bevölkerung Baden‑Württembergs sind unter 18 Jahre alt. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung in Baden‑Württemberg, das Anfang der 1950er-Jahre bei lediglich knapp 35 Jahren lag, hat sich bis zum Jahr 1970 praktisch nicht verändert.

Seither ist die Gesellschaft aber deutlich gealtert: Die Bevölkerung war Ende 2014 im Schnitt bereits 43,3 Jahre alt und damit um über 8 Jahre älter als noch 1970, so das Statistische Landesamt. Dennoch weist der Südwesten nach Hamburg (42,4 Jahre) und Berlin (42,8 Jahre) bundesweit die drittjüngste Bevölkerung auf. Am ältesten ist die Bevölkerung in Sachsen-Anhalt mit im Schnitt 47,5 Jahren, gefolgt von den anderen neuen Bundesländern.

Entwicklung des Durchschnittsalters von 2004 bis 2014

Leichter Ansteig der Geburtenrate

Ursächlich für die Alterung der Bevölkerung in Baden‑Württemberg ist zum einen eine zu geringe Geburtenrate: Diese lag annähernd vier Jahrzehnte lang bei lediglich etwa 1,4 Kindern je Frau; in den vergangenen Jahren ist allerdings ein leichter Anstieg der Geburtenrate zu beobachten. Zum anderen hat auch die enorm gestiegene Lebenserwartung – seit Anfang der 1970er-Jahre um gut neun Jahre bei den Frauen bzw. sogar um knapp elf Jahre bei den Männern – zu einem stetigen Anstieg des Durchschnittsalters geführt.

Vorausrechnung der Einwohnerzahlen im Jahr 2035

Zahlen: Vorausrechnung des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg

Zuwanderung mildert Probleme

Dass Baden‑Württemberg trotz einer zwischenzeitlich nur noch durchschnittlichen Geburtenrate und der höchsten Lebenserwartung der Bundesländer bundesweit mit die jüngste Bevölkerung aufweist, ist vor allem auf eine zeitweise starke Zuwanderung zurückzuführen. Denn die Zuziehenden sind im Schnitt deutlich jünger als die einheimische Bevölkerung und haben somit die Alterung der Bevölkerung abgeschwächt.

Gewinner und Verlierer

Zwischen 2004 und 2014 ist die Gemeinde Moosburg bei Biberach (+8,6 Jahre) landesweit am stärksten gealtert. Gewinner im Kampf um junge Leute sind große Städte mit starker Wirtschaft, Hochschulen und Universitäten wie Karlsruhe, Tübingen, Stuttgart und Heidelberg. Nur hier gelingt es, das Durchschnittsalter stabil zu halten.

Verlierer sind kleine Gemeinden wie Heiligkreuzsteinach im Rhein-Neckar-Kreis (-21,7 Prozent), Hausen am Bussen im Alb-Donau-Kreis (-20,6 Prozent) und Unterkirnach im Schwarzwald-Baar-Kreis (-19,5 Prozent) mit Bevölkerungsrückgängen um etwa ein Fünftel in nur einer Dekade.

Aus dem Schwarzwald in die Städte

Laut Prognose wird die Gemeinde Moosburg (-14,9 Prozent) bis 2035 prozentual am meisten Bevölkerung einbüßen. Dicht gefolgt von den Schwarzwaldgemeinden Ibach (-14,7 Prozent) und Forbach (-13,2 Prozent). Messstetten im Zollernalbkreis (+19,4 Prozent), Hohenstadt im Landkreis Göppingen (+18,5 Prozent) und Breitingen im Alb-Donau-Kreis (+18,2 Prozent) können sich dagegen über deutlich steigende Einwohnerzahlen freuen.

Große Probleme im Osten

Ganz anders die Entwicklung in den neuen Bundesländern: Diese hatten noch Anfang der 1990er-Jahre eine jüngere Bevölkerung als das frühere Bundesgebiet – aber der zeitweise starke Wegzug gerade jüngerer Menschen in Verbindung mit einem vorübergehenden drastischen Rückgang bei der Geburtenrate hatte den Alterungsprozess enorm beschleunigt.

Deutliche Alterung bis 2060

Eine weitere Alterung der Bevölkerung in Baden‑Württemberg und in den anderen Bundesländern ist aufgrund der bestehenden Struktur programmiert. Das Durchschnittsalter im Südwesten könnte sich bis zum Jahr 2060 nochmals um voraussichtlich knapp 5 Jahre auf dann 48 Jahre erhöhen. Und diesen Trend würde auch eine weiterhin hohe Zuwanderung nach Baden‑Württemberg lediglich abschwächen, nicht aber verhindern. Allerdings: Ohne Zuwanderung wäre die baden‑württembergische Bevölkerung im Jahr 2060 sogar durchschnittlich 51 Jahre alt.

Demografie als Wissenschaft

Die Demografie befasst sich statistisch mit der Entwicklung von Bevölkerungen und ihren Strukturen. Sie untersucht ihre alters- und zahlenmäßige Gliederung, ihre geografische Verteilung sowie die Umwelt- und sozialen Faktoren, die für Veränderungen verantwortlich sind.

Daten

Quellen

 

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