Jersey: Paradies für Banken und Superreiche

In Bad Wurzachs Partnerstadt St. Helier auf der Kanalinsel Jersey fühlen sich Vermögende, Anwälte und Steuerberater wohl

Hafen von St. Helier

Es stürmt, hagelt und zwischendurch scheint die Sonne in Bad Wurzachs Partnerstadt St. Helier, der Hauptstadt der Kanalinsel Jersey. Aber nicht nur das Wetter spielt verrückt auf diesem Kleinod für Steuerbetrug und Steuervermeidung. 52 Banken, unzählige Anwaltskanzleien und Finanzberater haben sich 25 Kilometer nördlich von Frankreich im Ärmelkanal niedergelassen.

Die Kanzlei Mossack Fonseca, deren Machenschaften in den Panama Papers öffentlich wurden, ist auf Jersey ebenso vertreten wie die mehrfach darin erwähnte britische Privatbank Coutts und viele weitere namhafte Institute. Schätzungsweise mindestens 600 Milliarden Euro haben reiche Privatleute und Firmen auf der Insel mit nur etwa 100.000 Einwohnern angelegt. Es ist mit Liechtenstein, Andorra, Luxemburg, Monaco und Zypern eine der zentralen Steueroasen in Europa. Fehlende Transparenz, ein Einkommenssteuersatz von 20 Prozent und Rechtssicherheit für die Steuerflüchtigen lassen das Geld nach Jersey strömen.

Ist Jersey eine Steueroase?

Egal ob Yachthafen, Innenstadt oder Straßen, alles ist herausgeputzt und wirkt sehr aufgeräumt – wie eine Kombination aus Schweizer Ordnung und englischer Noblesse. Doch wie sehr der schöne Schein trügt, hat der ehemalige Oppositionsführer Stuart Syvret, der fast zwei Jahrzehnte Abgeordneter und zeitweise Gesundheitsminister war, am eigenen Leib erfahren. „Die Regierung hat mich bereits zweimal ins Gefängnis gesteckt, weil ich Geheimnisse auf meinem Blog veröffentlicht habe“, sagt er. Das erste Mal seien es nur wenige Tage gewesen, das zweite Mal drei Monate.

Rechtskräftig verurteilt wurde er, weil er auf seinem Blog geheime Dokumente öffentlich machte, mit denen er zuvor geäußerte Vorwürfe gegen die Finanzindustrie zu belegen versuchte. Und das könnte noch nicht alles gewesen sein: „Ob ich für das Interview mit Ihrer Kollegin vom ,Spiegel’ und Ihnen wieder in Haft muss, weiß ich nicht“, meint er. Heute ist er arbeitslos und weitgehend sozial isoliert, wenngleich ihm viele Bewohner unter vier Augen zustimmten, wie er betont. Er hofft, dass sich seine Heimat in den nächsten Jahren internationalem Druck beugen und das versteckte Geld die Insel verlassen muss.

So ist das Leben auf Jersey

Dass es soweit kommt, daran glauben weder Ex-Senator Ted Vibert und Syvret. Jersey gehört als Kronbesitzung der britischen Krone nicht zur Europäischen Union. EU-Recht gilt daher nur eingeschränkt. Zwar kündigte der britische Schatzkanzler George Osborne an, für mehr Transparenz in den Steueroasen unter britischer Flagge sorgen zu wollen, passiert ist bisher allerdings wenig. Neben fehlender Kontrolle von außen, begünstigt auch das politische System auf der Insel die intransparente Finanzindustrie.

Auf der Insel, die etwa so groß wie Sylt ist, gibt es keine Parteien. Politische Ämter werden zudem nicht bezahlt. Eine fatale Kombination meint Vibert: „Da nur unabhängige Kandidaten gewählt werden können, weiß kein Wähler, für welche Inhalte er eigentlich stimmt.“ Zudem sorge die Ehrenamtlichkeit dafür, dass sich bevorzugt einflussreiche Personen, die auf keine Vergütung angewiesen sind, zur Wahl stellen. „Jerseys Politiker sind sehr konservativ, probieren nichts Neues aus und sind vor allem nicht bereit, für wichtige Projekte öffentliches Geld auszugeben, kritisiert der 70-Jährige. „Darin wirkt eine alte Farmermentalität fort, in der alles außerhalb des eigenen Hofs nur wenig zählt.“

Klima der Angst

Verlässt man das Zentrum von St. Helier, grüßen einen die Leute und möchten wissen, woher man kommt, und warum man auf der Insel ist. In Bussen begrüßt der Fahrer jeden Fahrgast einzeln. Beim Aussteigen wiederum verabschieden sich dann die Fahrgäste. Weil auf Jersey zudem jeder jeden kennt, ist es für die Inselbewohner schwierig, offen über Missstände zu sprechen.

„Auf Jersey herrscht ein Klima der Angst, nicht nur bei den kleinen Leuten, sondern bis hinauf in die höchsten Ämter“, erklärt Syvret auf dem Royal Square vor der Statue von König George II. (1683-1760). Druckmittel gebe es viele: Der Verlust von Job und Wohnung, oder den Kindern werden Steine in den Weg gelegt. Verstärkt wird die gegenseitige soziale Kontrolle durch ein ausgeprägtes Heimatgefühl, das so weit geht, dass selbst die größten Außenseiter keinen Gedanken daran verschwenden, die Insel zu verlassen.

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Und es droht weiteres Ungemach, sollten die Briten am 23. Juni für den Austritt aus der Europäischen Union stimmen. „Die Gegner einer Weißgeldstrategie sind gleichzeitig die entschiedensten Befürworter des Brexits, da ein Ausscheiden Großbritanniens aus der EU die Einflussmöglichkeiten der betrogenen Länder reduzieren würde“, ist sich Syvret sicher.

Denn je weniger eine Steueroase an internationale Verträge gebunden ist, desto attraktiver wird sie für schmutziges Geld. Eine Aussicht, die auch Ted Vibert Angst macht. Er wünscht sich, dass Jersey ein Finanzplatz wird, der „weißer als weiß“ ist. Dazu gehören für ihn die Ratifizierung internationaler Verträge und der automatische Datenaustausch mit anderen Ländern.

Ganz auf die Finanzindustrie zu verzichten, kommt für ihn jedoch nicht in Frage. Er bevorzugt stattdessen einen Mittelweg: Konzerne, die wegen des Aktienrechts Steuern minimieren wollen, in einem moralisch vertretbaren Rahmen dabei zu unterstützen.

Den Zeitgeist sieht er dabei auf seiner Seite: „Immer mehr Firmen achten auf ein sauberes Image, und das öffentliche Bild von Jersey ist besser als von Karibik-Inseln wie den Kaimaninseln oder Staaten wie Panama.“ Aber selbst dieser Kompromiss ist nicht mehrheitsfähig, denn Steuervermeidung ist nicht so lukrativ wie Steuerbetrug. Und die Gier hat die Insel fest im Griff.

Das Leben der normalen Leute

Von den Konflikten im Hintergrund merkt man im Alltag jedoch wenig: Da mischt sich englische Noblesse mit französischer Lebensart. Es gibt einen Yachthafen, Restaurants mit Michelin-Sternen und weder eine Reichen- noch eine Armenstraße, denn das Geld ist auf der Insel gut verteilt.

Die Bankangestellte Sue Clark schätzt an Jersey die Sicherheit und den entspannten Lebensstil. Sie ist eine der wenigen, die bereit ist, auch über die Schattenseiten ihrer Heimat zu sprechen: „Es gibt sehr wohl Armut, aber die Regierung steckt den Kopf in den Sand“, kritisiert sie. Vor allem Rentnern gehe es wegen der hohen Häuserpreise und Lebenshaltungskosten schlecht, meint sie.

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