Film „Zweikämpfer“ zeigt Schattenseite des Fußballs

TRAILER – ZWEIKÄMPFER from Mehdi Benhadj-Djilali on Vimeo.

Eine Gruppe arbeitsloser Fußballprofis versucht alles, um doch noch in einem Verein unterzukommen. Ihr Kampf wird zum verzweifelten Ringen um Träume und die eigene Identität. Der Dokumentarfilm „Zweikämpfer“ über das VDV-Proficamp 2011 wurde am Donnerstag (21.1.) beim Filmfestival „Max Ophüls Preis“ in Saarbrücken uraufgeführt. Mit dem Dokumentarfilm Zweikämpfer beleuchtet Mehdi Benhadj-Djilali eine Seite des Fußballs, welche die Öffentlichkeit noch nie gesehen hat. Er begleitet arbeitslose Fußballspieler, die um ihre letzte Chance kämpfen.

Jenseits jedes Klischees ist Zweikämpfer die Geschichte von vier Männern Anfang Dreißig, die noch nicht bereit sind, ihren Traum aufzugeben. Tag für Tag gehen sie an ihre Grenzen, um sich, ihren Familien und der Fußballwelt zu beweisen, dass sie ihre Zukunft noch vor sich haben. Ihre Hoffnung ist es in Freundschaftsspielen aufzufallen und mit einem Vertrag in die ihnen vertraute Welt zurückzukehren. Doch mit jeder Woche steigt der Druck.

Hauptdarsteller sind Nico Frommer, Christian Mikolajczak, Julian Lüttmann und Benjamin Schüßler, die von Mehdi Benhadj-Djilali bei den Trainingseinheiten, den Testspielen aber auch in den eigenen vier Wänden mit den Partnerinnen filmisch begleitet wurden. Die Männer vom „FC Arbeitslos“ drohen als Versager abgestempelt zu werden –  vom Gegner und von den eigenen Familien, zu denen sie am Wochenende zurückfahren.
Dort kommt zum beruflichen der private Stress. Nicos Eltern machen sich Sorgen um die berufliche Zukunft ihre Sohnes, Micky erlebt, wie die Familie seiner Freundin über seinen Kopf hinweg seine Zukunft plant, und Lüttis Ehefrau lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich das Leben als Fußballerfrau anders vorgestellt hat.

Interview mit Regisseur Mehdi Benhadj-Djilali

Marco Weiß (Schwaebische.de): Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film über arbeitslose Fußballer zu machen?

Mehdi Benhadj-Djilali: Ich habe ein Interview mit Ulf Baranowsky, dem Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) gelesen und fand das Thema spannend. Im Sommer 2010 bin ich dann ins Camp in der Sportschule Wedau in Duisburg gefahren und habe geschaut, ob das Thema Potenzial für einen Film hat. Ein Jahr später habe ich die Spieler von Anfang Juli an 12 Wochen begleitet.

Schwaebische: Was haben Sie während der Dreharbeiten über das Fußballgeschäft gelernt?

Benhadj-Djilali: Ob ein Spieler aus dem Camp von einem Verein verpflichtet wird, hat mit Leistung fast nichts zu tun. Die Vereine reagieren zu diesem Zeitpunkt der Saison fast nur noch auf Ausfälle auf bestimmten Postionen und holen nur selten jemand wegen seines Potenzials. Klar, das Niveau der Spieler ist unterschiedlich, einige sind ehemalige Bundesligaspieler, andere sind nicht über die 4. Liga hinausgekommen. Trotzdem braucht es viel Glück, noch einmal unter Vertag genommen zu werden. Und das, obwohl die meisten locker in der 3. Liga Leistungsträger hätten sein können.

Schwaebische: Viele Bundesligavereine betonen in der Öffentlichkeit, wie akribisch sie scouten. Wie macht sich das bemerkbar?

Benhadj-Djilali: Professionelles Scouting gibt es nur in der 1. Bundesliga. Ab der zweiten Liga haben viele Clubs nur wenig Scouts, da dafür das Geld fehlt. Umso unverständlicher finde ich es daher, dass viele Vereine etwa aus der 3. Liga, denen die Spieler hätten helfen können, sich in Duisburg nicht blicken ließen. Dabei waren die Jungs im Camp heiß, es sich selbst und ihrem Umfeld noch einmal zu zeigen.

Schwaebische: Wie haben die Teilnehmer darauf reagiert, dass so wenig Interesse da war?

Benhadj-Djilali: Sie waren sich ihres gesunkenen Marktwerts in der Fußballbranche bewusst. Aber klar, wenn man sich zehn zwölf Wochen in einem Camp anbietet und es kommen keine Angebote, dann steigt der Druck von allen Seiten. Durch die Öffentlichkeit, die Familie, Freunde oder vom Arbeitsamt. Trotzdem war ich überrascht wie geerdet, ja besonnen sie auf die Situation reagiert haben. Ein wichtiges Ventil war Humor, wobei der mit der Zeit weniger wurde.

Schwaebische: Wie sinnvoll ist das Camp der VDV angesichts der Schwierigkeiten?

Benhadj-Djilali: In normalen Jahren finden laut VDV etwa 70 bis 80 Prozent der Teilnehmer einen neuen Verein. Zur Saison 2011/12 wurde aber die Regionalliga reformiert. Kein Verein konnte absteigen. Klamme Regionalligisten haben daher einfach keine neuen Spieler verpflichtet. Dabei ist es gerade die vierte Liga, in der normalerweise viele ehemalige Spieler aus dem Profibereich unterkommen.

Interview mit Nico Frommer

Im Gespräch mit Trainer Christian Wück. Foto: Mehdi Benhadj-Djilali

Marco Weiß (Schwaebische.de): Wie haben Sie das Camp in Duisburg erlebt?

Nico Frommer: Es war für mich eher eine unangenehme Situation. Hauptsächlich war ich da, um mich fitzuhalten, die Voraussetzung, um schnellstmöglich wieder bei einem Verein unterzukommen. Was Nicht-Fußballer oft nicht verstehen: Kein Waldlauf kann Mannschaftstraining ersetzen. Trotzdem hat es sich manchmal wie eine Offenbarung angefühlt, auch weil im Fernsehen vom FC Arbeitslos die Rede war.

Schwaebische: Wie sind die Bedingungen vor Ort?

Frommer: Die Betreuung ist wie im Verein, es gibt sechs oder sieben top Rasenplätze, gute Trainer, aber das Leistungsgefälle unter den Spielern ist groß. Anspruchsvolle Trainingsformen scheitern an Technikmängeln oder fehlender Konzentration. Zudem verlassen jede Woche Spieler das Camp, neue kommen hinzu, einspielen ist so schwierig.

Schwaebische: Helfen Berater in dieser schwierigen Situation?

Frommer: Das schlechte Image, das die Berater-Branche hat, stimmt leider. Es gibt sehr viele Dummschwätzer. Etwa 95 Prozent von dem, was Berater sagen, trifft nicht ein. Auch Vereine melden sich an anfänglichem Interesse plötzlich nicht mehr, abgesagt wird nicht. Dieses Unseriöse an der Branche stößt mich noch heute ab.

Schwaebische: Wie haben Sie wieder einen Verein gefunden?

Frommer: In Heidenheim hatten sich zwei Stürmer verletzt, die Mannschaft war zwei Spieltage ohne Tor geblieben, so bekam ich meine Chance. Eigentlich wollte ich mich dort nur fithalten und habe nicht gedacht, dass so ein ambitionierter Verein einen alten Sack wie mich einstellt. Wobei ich dem Verein finanziell weit entgegengekommen bin. Am Anfang habe ich nur für die Fahrtkosten gespielt, plus Prämien, ohne Sicherheit. Da bin ich ziemlich in Vorleistung gegangen, aber es hat sich ausgezahlt. Nachdem ich mir eine Knorpel- und Innenbandverletzung zugezogen hatte, hat mir Heidenheim einen gut dotierten Eineinhalb-Jahres-Vertrag gegeben. Das ist nicht selbstverständlich. Gesundheitlich habe ich mit dem Knie aber bis heute Probleme. Wenn ich bergab gehe oder auf einem Kunstrasenplatz kicke, spüre ich das Gelenk.

Schwaebische: Zeit sich einen Plan B zurechtzulegen?

Frommer: Damit hatte ich bereits vorher begonnen. Bereits in Leipzig war ich länger verletzt, und da habe ich mir meine Gedanken gemacht. Eine Alternative war immer wieder im Gespräch, aber letztlich ist nichts draus geworden. Ein Fernstudium war nichts für mich, auch wenn ich vor allen Spielern, die das schaffen, den Hut ziehe. Mein Vater, der selbst ein guter Fußballer war, hatte sich für ein Studium und gegen eine Laufbahn als Fußballer entschieden. Meine Eltern haben sich um meine Zukunft Sorgen gemacht.

Schwaebische: Mittlerweile studieren Sie Osteopathie in Berlin. Wie kommen Sie zurecht?

Frommer: Bei meiner Reha im Redbull-Zentrum habe ich gelernt, dass man ganzheitlich behandelt werden muss. Alles war perfekt abgestimmt. Das hat mir imponiert. Die ersten drei Monate im Studium waren hart. Jeden Abend habe ich mich erst mal auf die Couch gelegt und gepennt. Ich war es überhaupt nicht mehr gewöhnt, so lange zuzuhören. Das war eine große Umstellung. Mittlerweile bin ich im 5. Semester, es läuft gut. Nach dem Studium könnte ich meine Erfahrungen als Profi und studierter Osteopath weitergeben. Optimal wäre eine eigene Praxis und zusätzlich für einen Verein zu arbeiten. Ob das möglich ist, wird sich zeigen.

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Impressionen aus dem VDV-Camp in der Sportschule Wedau in Duisburg

 

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Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV)

Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler ist eine Gewerkschaft für Profi-Fußballspieler und hat rund 1.300 Mitglieder. Der Verein wurde am 15. Juni 1987 in Offenbach unter anderem von Ewald Lienen, Guido Buchwald und Bruno Labbadia gegründet. Er sollte als Interessenvertretung von Profifußballern für Profifußballer dienen. Für die Mitglieder werden Unterstützungsleistungen wie das VDV-Camp für vereinslose Spieler, rechtliche Unterstützung sowie Medientraining angeboten.

 

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