Selbstversuch: ein Knochenjob im Erdbeerfeld

57 Erntehelfer beschäftigt die Familie Wormser – Ein Selbstversuch der unangenehmen Art

Wie eine Mischung aus Guerilla-Armee und fleißigen Bienen bewegen sie sich über das grün-beige Erdbeerfeld hinter der Firma Getrag in Untergruppenbach. Es sind die Erntehelfer des Beerenhofs, den Jürgen Wormser (46), staatlich geprüfter Wirtschafter für Landbau, gemeinsam mit seinem Bruder Siegbert betreibt.

Seit 14 Jahren kommen jede Saison zwischen 50 und 70 Erntehelfer aus Rumänien, um sich ihren Lebensunterhalt für den Rest des Jahre zu verdienen. Einheimischen Arbeitskräften ist der Job zu hart. „Deutsche kommen zum Ernten keine, nicht mal, wenn sie arbeitslos sind und eine Unterschrift fürs Arbeitsamt brauchen“, meint Wormser.

Was ist das für ein Job, für den Ausländer nach Deutschland kommen, weil ihn hier niemand machen will? Ich möchte mehr über die Arbeit der Entehelfer erfahren und wage den Selbstversuch.

Simen Hagberg mit Tochter; Foto: Marco Weiß

Noch vor Sonnenaufgang gegen fünf Uhr beginnt die Arbeit. Bevor gepflückt wird, erhält jeder einen Handwagen, darauf steht eine flache Kiste. Darin liegen zehn Ein-Pfund-Pappschalen für die Erdbeeren. Hinten auf dem Wagen steht ein Fünf-Liter-Eimer für verdorbene Früchte. Ich komme zum Schluss dran, während sich die anderen wie ein Bienenschwarm über das etwa zwei Fußballfelder große Areal verteilen.

Gesprochen wird wenig, die Müdigkeit steht den Leuten ins Gesicht geschrieben. „Alles muss schnell gehen“, begründet Vorarbeiter Bölöny Sandor Ferencz (34). Zum Geld verdienen seien sie schließlich da. Mit seiner Digitalwaage ist er einerseits der rettende Anker für die Pflücker, andererseits entscheidet die Zahl auf seiner Waage, ob sich die Plagerei gelohnt hat.

Häufiges Bücken notwendig

Mit vollen Körbchen stehen die Erntehelfer manchmal zu zweit, manchmal aber auch zu fünft in der Schlange. Sie warten darauf, dass Ferencz ihre Früchte wiegt. In ihren sonst unbeteilgt wirkenden Gesichtern blitzt kurz so etwas wie Freude auf. Wenn Ferencz mit dem Wiegen fertig ist, wird klar, warum. Schlagartig verlässt die Energie ihre Körper und sie setzen oder legen sich auf die Straße, zünden sich eine Zigarette an oder starren ins Leere.

Ein etwa 40-jähriger Mann im Blaumann macht sitzend ein Hohlkreuz. Ob die Gegenbewegung zum Rundrücken im Feld hilft, würde ich ihn gerne fragen. Ich versuche es auf Englisch und Deutsch, aber er zuckt nur mit den Schultern. Vorarbeiter Ferencz läuft auf und ab: Wiegen, leere Körbchen verteilen, volle Körbchen in den weißen VW-Bus laden.

„Der Mann spricht nur rumänisch“, ruft er mir zu. Zum Übersetzen kommt er nicht. Entschuldigend hebt er die Hand, wenn er an mir vorbei läuft. Einige Male geht das so. Man merkt ihm an, dass er mich nicht warten lassen möchte, aber er steht unter Strom. Als er kurz Zeit hat, kommt er auf mich zu. Ich möchte von ihm wissen, was er von einem Erntehelfer erwartet. „Wie schnell man den Wagen voll hat, hängt vom Zeitpunkt und vom jeweiligen Ernter ab“, erklärt er. Am Ende einer Saison hängen die Pflanzen nicht mehr so voll, dann dauere es länger.

„Wenn sie Deutsch sprechen, setzen wir die Rumänen mittlerweile auch im Verkauf ein“ Jürgen Wormser (46), Landwirt

„Die schnellsten brauchen momentan 20 Minuten“, sagt er nach kurzer Überlegung. Wie werde ich mich machen? Ich nehme den Handwagen und schiebe ihn aufs Feld. Busch für Busch pflücke ich die reifen Beeren und lege sie vorsichtig in die Schalen. „Erdbeeren sind sehr empfindlich,“ hat mir Wormser mit auf den Weg gegeben. Verfaulte Beeren kommen in den Eimer. So soll verhindert werden, dass weitere Früchte faulen.

Hobbypflücker, die am Wochenende mal ein Körbchen für den Eigenbedarf füllen, haben Zeit, ein Erntehelfer nicht. Ich erinnere mich an Samstagvormittage, an denen ich mit meiner Familie zum Pflücken auf dem Feld war. Damals, als Grundschüler, bestand meine Aufgabe vor allem darin, nach besonders schönen Beeren Ausschau zu halten. Bei den saftigsten und süßesten konnte ich selten der Versuchung wiederstehen, sie an Ort und Stelle zu essen.

Rote Früchte 

Wie gerne würde ich das auch heute machen. Aber essen ist natürlich verboten. Schließlich soll ich mir nicht den Bauch vollschlagen, sondern arbeiten. Nur die schönsten Früchte pflücken, geht auch nicht, sonst würde der Rest auf dem Feld verderben. Auch faulige oder von Schnecken angefressene Beeren müssen weg von den Pflanzen. Auf sie wartet der Mülleimer. Außerdem dürfen die Beeren nicht einfach abgerissen werden. Stattdessen sollen die Stängel mit dem Daumennagel etwa einen Zentimeter oberhalb der Blättchen abgetrennt werden.

Während meines ersten Pflückdurchgangs werde ich mit der Zeit unruhig: Immer die gleichen Bewegungen zu machen, bin ich nicht gewohnt. Ich tröste mich damit, dass ich bald fertig bin und vermeide es, auf die Uhr zu schauen. Als die Körbchen dann endlich voll sind, habe ich keine Zeit zum Nachdenken. Die Ernte muss gewogen werden, dann beginnt alles wieder von vorn.

Pro Durchgang habe ich etwa eine halbe Stunde gebraucht und dabei jeweils etwa sechs Kilogramm Erdbeeren gepflückt. Wider Erwarten zwickt es mich am späten Vormittag nicht im Rücken, aber meine Tastatur-Finger mögen die Arbeit nicht.

Schuld ist das stachlige Unkraut, das sich unter den Erdbeerblättern versteckt. Ständig stecken mir diese kleinen, fiesen Stacheln in den Fingern. Man bekomme beim Pflücken schnell Hornhaut, versichert mir Verkäuferin Andreea Darie (26), die früher selbst gepflückt hat.

Denica Adrian (59) ist der älteste Erntehelfer, Epuran Deniza Violetta (18) ist die Jüngste; Fotos Mario Berger/Hst-Archiv

Denica Adrian, mit 59 Jahren der Älteste, macht der Rücken sichtlich zu schaffen. Trotzdem pflückt er weiter, obwohl man mit Feldarbeit nicht reich wird. Was ein Erntehelfer in einer Saison verdient, ist eine Frage des Blickwinkels: „Im Durchschnitt 1200 Euro“, meint Ferencz. „Bis zu 2000 Euro“, sagt Wormser. Dass die Arbeit auf dem Feld hart ist, gibt er unumwunden zu. Trotzdem herrsche wenig Fluktuation.

Außerdem müsse in der Landwirtschaft eben angepackt werden, das gehe ihm nicht anders. „Während der Saison arbeite ich 13 Stunden, sieben Tage in der Woche“, sagt er. Die Saison gehe von Ende April bis Anfang November – „so lange sind die Stände offen.“

„Verkaufen macht richtig Spaß, Pflücken ist auf die Dauer wirklich extrem hart.“ Andreea Darie (26),Verkäuferin

Weil mehr Kunden kommen, wenn an den Ständen mehr Produkte angeboten werden, baut er weitere Obstsorten wie Himbeeren, Kirschen, Stachelbeeren, Pfirsiche und Aprikosen an. Außerdem sei die Erdbeersaison mit zwei Monaten zu kurz, „um davon das ganze Jahr die Rechnungen zu bezahlen“, erläutert er. Von der Erweiterung des Angebots profitieren auch die Erntehelfer. „Bei Himbeeren muss man sich nicht die ganze Zeit bücken, das machen die Leute lieber“, bestätigt Darie.

Sie selbst hat aus Sicht der Erntehelfer eine Bilderbuchkarriere hingelegt: Von der Feldarbeit bis zur Leiterin des Horkheimer Verkaufsstands. „Wenn sie Deutsch sprechen, setzen wir die Rumänen mittlerweile auch im Verkauf ein“, sagt Wormser. Für Andreea Darie ist der Wechsel eine Offenbarung: „Verkaufen macht richtig Spaß, Pflücken ist auf die Dauer extrem hart.“

Hintergrund

Der Beerenhof Wormser in Untergruppenbach,Ortsausgang Talheim,hat eine Anbaufläche von 35 Hektar – 18 Hektar davon für Erdbeeren. Seit drei Jahrzehnten baut Familie Wormser bereits Erdbeeren an. Die Erntehelfer wohnen im alten Bauernhaus und in einem Container. Die Unterbringung ist kostenlos, ebenso wie der Verzehr der eigenen Erzeugnisse. In Eigenregie werden die Produkte an zehn Verkaufsständen in und um Heilbronn selbst vermarktet. Auch der Einzelhandel wird beliefert.

Durchhalten

Am Ende meines Einsatzes weiß ich nicht, ob ich stolz auf mich sein soll oder nicht. Einerseits habe ich mich ganz ordentlich geschlagen, andererseits zweifele ich daran, dass ich den Job eine ganze Saison durchhalten würde. Und das, obwohl ich als sportlicher 29-Jähriger bessere Voraussetzungen habe als einige der Rumänen. (Erschienen am 21. Juli 2014)

Quelle: www.stimme.de

 

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